Prolog
Eden war noch unbewohnt, als Agnes zur Welt kam.
Am Morgen nach der stürmischen Nacht stahlen sich erste Sonnenstrahlen durch den Morgendunst und flochten eine goldene Leiter in die Lamellen vor dem Zimmerfenster. Drinnen stillte Lena Amherd zum ersten Mal ihre Tochter. Tante Selma war mit ihnen im Zimmer und half. Agnes jedenfalls begann so zielsicher zu nuckeln, als flüstere ihr jemand ins Ohr, wie sie es anstellen musste.
Überrascht und beruhigt zugleich verließ die Krankenschwester das Zimmer.
Lena drehte sich halb zur Seite. Wenn sie es geschickt anstellte, blieb der ungewohnte, kitzelnde Schmerz an ihrer Brust erträglich. Sie bestaunte das Gesichtchen, in dem sich beim Trinken ein fast heiliger Ernst abzeichnete. Manchmal öffnete Agnes die Augen, doch ihr Blick erreichte Lena nicht, blieb unentschieden und verhangen, als habe Agnes jene Zwischenwelt noch nicht verlassen.
War sie bei Selma?
Lena döste ein, erwachte aber bald wieder, kurzatmig, angsterfüllt, bis Agnes’ Wärme ihr bestätigte, dass sie nichts geträumt hatte. Die Sonne war gestiegen, die Lamellenschatten kletterten die Wand hinab. Dankbar ordnete Lena ihre Gedanken nach den Lichtstreifen.
Selma war gestorben, bevor sie ihre Enkelin hatte sehen können.
In der selben Nacht, einige Zimmer nebenan.
Allein. Ohne ihren Sohn, der nicht ihr Sohn war.
Silvan war bei ihr und Agnes geblieben.
Wie hätte er sich anders entscheiden können?
Silvan war unvorbereitet gewesen, Lena hingegen hatte geahnt, dass es so kommen würde, die ganzen Monate schon. Denn jedes Kilogramm, das sie während der Schwangerschaft zugenommen hatte, verlor Selma gleichzeitig durch ihre Krankheit, als würden sie beide einen ungehörigen Tauschhandel treiben.
Durfte sie sich überhaupt freuen?
Lena wich Selmas strafendem Blick aus.
Hast recht, nur weil du gestorben bist, musst du mir nicht alles durchgehen lassen.
Lena lächelte schief. Ihre Gedanken blieben so sprunghaft wie der Wehenrhythmus in der vergangenen Nacht. Vor drei Jahren erst hatte sie Selma kennengelernt. In kürzester Zeit waren Silvan und sie zu ihren wichtigsten Bezugspersonen geworden.
Jetzt hatte sich alles verändert.
Lena machte eine ungeschickte Bewegung und Agnes protestierte prompt und lautstark.
Ihre Tochter nahm Selmas Platz ein.
Sie setzte die Kleine an die andere Brust. Ein Spritzer landete auf ihrem Handrücken, Lena leckte ihn ab und verzog ob des ungewohnten Geschmackes ihrer Vormilch das Gesicht. Kaum hatte die Kleine den Rhythmus wieder gefunden, angelte Lena sich das Handy vom Nachttisch. Noch immer keine Nachricht von Lucrezia! Die verbliebene Patin. Ohne Lucrezias Hilfe würde Lena die kommenden Wochen nicht durchstehen. Weshalb zögerte ihre Freundin bloß?
Sie lebte doch schon viel zu lange im Schatten der Wand.
Lena vergewisserte sich, dass sie Lucrezia die Nachricht wirklich gesendet hatte. Hätte sie anrufen sollen? Mitten in der Nacht, zwischen Geburt und Tod? Sie sendete die alte Message sicherheitshalber ein zweites Mal, dann schrieb sie mit fliegendem Daumen eine neue an Primo Sacripanti, berichtete ihm, was in der Nacht geschehen war, wie es Silvan ging, und dass Primo in nächster Zeit die Verantwortung im Flischwald übernehmen müsse, wohl bis zur Eröffnung von Eden, er habe die volle Entscheidungsbefugnis.
Half Primo eine Bevollmächtigung per SMS auf dieser Grossbaustelle weiter?
Es gab keine Alternative.
Auch andere warteten auf ihren Anruf. Albin. Silvans Sohn sollte als erster erfahren, dass er eine kleine Schwester bekommen hatte! Doch dann ... müsste sie ihm sagen, dass Selma tot war. Eines nach dem andern, Lena Amherd! Ihr Mann zuerst. Lena würde achtsam bleiben, Agnes durfte nicht ihre ganze Aufmerksamkeit absorbieren, Silvan wäre ohne ihre Hilfe verloren. Sein Anblick im Sessel drüben trieb ihr die Tränen in die Augen. Dank eines Beruhigungsmittels war er im Morgengrauen endlich eingeschlafen, zusammengekrümmt lag er seither im Stuhl, die Wolldecke war von seinen Beinen gerutscht und lag am Boden. Seine Lider zuckten nervös, seine Hände waren um die Stoffpuppe gekrampft.
Selmas letzte Handarbeit.
Für Agnes.
Herrgottstiful, Selma! Hast dich einfach weggeschlichen ...
Nein, du brauchst nichts zu sagen. Hast es uns nur leichter machen wollen.
Erschöpft sank Lena ins Kissen zurück. Die Sonnenstrahlen hatten die Zweige vor dem Ploner Krankenhaus endlich getrocknet. Lena sah ein Stück vom Himmel, es wurde gläsern und zerfloss. Sie wunderte sich über ihre Tränen. Nicht Selmas Tod hatte sie verursacht, es waren ihre Hormone, die verrückt spielten. Diese Nacht war alles aus dem Lot geraten. Erst kürzlich, so schien ihr, hatte sie in einem Hotelzimmer gehaust, zurückgekehrt ins Dorf ihrer Mutter, entfremdet und angefeindet. Eine radikale Umweltschützerin, die ihre wachsenden Lebenszweifel burschikos überspielt hatte. Sechsundreißig Jahre alt und mit ihrem Schicksal hadernd, überzeugt, sie ende dereinst als einsame Jungfer! Jetzt lag sie hier, mit Kind und leisem Babyblues, und in Eden begann schon bald eine Zukunft zu dritt.
Während Lena in unruhigen Schlaf fiel, nahm Lucrezia Camminada von der Schattwand und Gspona Abschied. Hier brauchte sie keiner mehr, im Wallis hingegen erwartete Lena sie sehnlichst.
Agnes. Der Name ihres Patenkindes war ungewöhnlich. Ein bisschen altmodisch, aber er gefiel ihr.
Sie war selber altmodisch.
Lucrezias Zeigefinger folgte den brüchigen Dellen der Meißelschläge, mit denen der Wolf, das Gsponer Sagentier, in den Fels der Schattwand gebannt worden war.
Zeit zu gehen.
Nach dem Tod ihres Mannes war Lucrezia die letzte der jüngeren Generation. Ausser ihr gab es hier im Dorf nur noch die alten Gsponer. Die Gesichtslosen. Ihre Seelen hatten sie verkauft, vor mehr als vierzig Jahren, als sie weggeschaut hatten, während einer von ihnen aus Missgunst sein Unwesen trieb. Die Mitschuld am Seilbahnunglück von damals trugen die Überlebenden bis heute mit sich. Ihre Körper waren nur noch leere Hüllen, sie verblichen und vertrockneten, so wie ihre Äcker, die ungepflügt blieben, während die morschen Ställe zerfielen, in Gspona, im Gsponer Grund, bis hinab nach Gspona-Wiler. Als laste ein Fluch auf der ganzen Talschaft! Zugleich geriet die Natur aus dem Gleichgewicht. Die winterbraunen Matten verbrannten, bevor sie grün werden konnten, die Arven verdorrten im einen Monat und ertranken im nächsten. Selbst die Schattwand zwischen Dorf und italienischer Grenze wankte. Der unüberwindbare, steinerne Riegel, während Jahrzehnten der letzte Wall gegen alles Fremde ... Die Wand hatte den Gsponern trügerischen Schutz versprochen, am Ende aber bloss Schatten geworfen. Jene, die sie einst verherrlicht hatten, waren verstummt, die wenigen, die sie hatten überwinden wollen, um das Tal der Welt zu öffnen, waren umgekommen. Heute liess die anhaltende Wärme den Permafrost schmelzen, die Schattwand wurde zum fragilen Mosaik. Noch waren es meist nur einzelne Steine, die heraussprangen, so wie jener, der ihr Peider genommen hatte.
Eines von vielen Zeichen dafür, dass nichts mehr die Schattwand zusammenhielt. Manchmal, wenn Lucrezia von hier oben über das Tal schaute, hatte sie schreckliche Zukunftsvisionen: Geröllmassen lösten sich, der Regen schwemmte Hänge aus, Schlammlawinen wälzten sich hinab, das Tal eine Steinwüste.
Grau und tot.
Genug. Sie würde Lena und danach gleich Severin Somm über ihre Abreise informieren. Immerhin war er Mitbesitzer ihres Hauses. Nicht nur das ... Severin sollte als erster erfahren, dass sie ihr Leben neu beginnen würde. In Eden, bei den Bohrers und bei Agnes, ihrem Patenkind.
Teil 1
14. Juli. Morgen
Ruinen der Illusionen sind es. Agnes schenkt den rostigen Skeletten im unteren Plontal keinen zweiten Blick. Ganze Felder riesiger Saugtürme, gebaut zwischen 2020 und 2025, um das Kohlendioxid aus der Luft zu filtern. Jetzt lagert es in Felskammern tief im Boden. Die Extraktionsparks sind vor zwanzig Jahren eine Notfallübung gewesen. Keine schlechte Idee, nur wie so viele andere zu spät umgesetzt.
Ihr Toolbook vibriert, sie steckt es ins Dock am Armaturenbrett. Linus blickt sie aufgeregt an.
„Mam, wo steckst du?“
„Gleich in Genf, ich muss Albin abholen. Was gibt es?“
„Das hier!“
Agnes schielt auf den Bord-Bildschirm. Ihr Sohn steht offensichtlich am Eden-Tor und streckt aufgeregt etwas Dunkles ins Toolbook-Objektiv. Beim zweiten Hinschauen erkennt Agnes eine elektronische Papierrolle.
„Glaubst du, ich könne die von hier aus lesen?“
„Wir werden erpresst!“
„Schon wieder?“
„Mam, diesmal ist es ... ernster.“
Linus entrollt das e-paper, während Agnes lautlos durch den Morgenverkehr der Stadt gleitet. Sie switcht den Bordcomputer auf das städtische Leitsystem und stellt den Blinker zum Spurwechsel Richtung Ausfahrt. Aufwirbelnder gelber Staub nimmt ihr einen beunruhigenden Moment lang jede Sicht.
„Hör zu: Verehrte Besitzer des Eden-Resorts
Wir stellen fest, dass Sie sich zu den Herrschern über das Wasser im Plontal aufschwingen. Sie haben sich der letzten natürlichen Resource dieses Tales bemächtigt und nutzen diese für sich alleine. Ein ganz und gar unsozialer Akt, den wir nicht ..."
Agnes unterbricht Linus.
„Ich habe die Stadt erreicht, Linus, ich muss mich aufs Fahren konzentrieren. Wir besprechen das, wenn ich zurück bin. Nur eine Frage: Was genau wollen die?“
„Wasser, hast du doch eben gehört.“
„Nicht Öl?“
„Wasser.“
„Und womit drohen sie?“
„Sie wollen den Flischwald anzünden!“
"Was?"
Agnes vergisst sekundenlang, dass sie am Steuer sitzt. Sie zwingt sich zur Ruhe, bevor sie Linus anweist, keinem etwas zu sagen, bis sie zurück ist.
„Nicht mal Lucrezia?“
„Aber nur ihr, Linus! Und schick mir den Brief auf mein Toolbook.“
Eine halbe Stunde später rollt Agnes auf dem zentralen Parkplatz von Genf aus. Sie schlägt die Tür hinter sich zu, die Kollektorenmembran der Karosserie richtet sich automatisch zur Sonne. Die Gluthitze hier unten im Flachland nimmt ihr den Atem. Der See bringt keine Linderung, eine schweflige Dunstglocke spannt sich von Ufer zu Ufer. Wie stets im Sommer bringt die Hitze hier unten Agnes sofort an die Grenze des Kollapses. Sie quittiert das ungeduldige Piepsen der Tür, indem sie den Zeigefinger über den Scanner hält. Das dreirädrige Fahrzeug verriegelt die Türen.
Feuer im Flischwald! Agnes wehrt sich mit aller Macht gegen die Panikattacke, schaut nach Luft ringend um sich. "Keiner da, Agnes, keiner da!" flüstert sie sich zu. Es sind nur die schwarzen Schatten aus ihren Alpträumen. Sie lässt die Angst nicht zu, atmet so bewusst, wie sie es in der Therapie gelernt hat, bis sie ihre Beherrschung wieder findet. Ist doch nur eine weitere Erpressung! Die vierte dieses Jahr, für diesmal etwas fantasievoller eingefädelt, dennoch ... Agnes schiebt das Toolbook entschlossen in ihre Handtasche und verdrängt jeden weiteren Gedanken.
Sie wird sich später darum kümmern.
Nach zwei unentschlossenen Schritten Richtung Zentralbahnhof bleibt sie bereits wieder stehen. Welcher Port? Magnetschwebebahn? Zug? Oder gar Solarhelikopter? Selbst den könnte sich Albin leisten. Sie hat keine Ahnung, woher ihr Halbbruder anreist, geschweige denn mit welchem Verkehrsmittel. Letztmals hat er sie aus Paris angerufen, vom Set irgend einer Piratensaga. Worum es genau geht, weiß Agnes nicht, nur selten erfährt sie aus der Presse etwas über seine Regiearbeiten. Sie selbst hat Albin seit Monaten nicht mehr gesehen. Oder summieren die sich bereits zu Jahren?
Agnes freut sich auf das Wiedersehen. Sie braucht Albin. Ein gefährlicher Sommer kündigt sich an, ungeachtet der Erpresser. Der Ploner Stausee nähert sich dem Tiefststand von 2037, der Flischwald rund um Eden ist zundertrocken, erste Glutherde entstehen, das Bewässerungssystem des Resorts stößt an seine Grenzen. Noch sind die Zisternen und der Schluchtsee mit Frühlingswasser gefüllt, aber Agnes ist überzeugt, dass die Zeit für den Notfallplan ihrer Eltern gekommen ist. Der letzte Ausweg. Es macht Sinn, Albin als ersten in Lenas und Silvans Geheimnis einzuweihen, dann kann er sich während seiner Ferien auf die Suche machen. Vielleicht zusammen mit Linus. Im Moment ist Albin wohl der einzige, der ihren Sohn aus der pubertären Lethargie reißen kann.
Ihr Plan hat einen Haken: Sie weiß nicht, wie sehr sie Albin vertrauen kann. Zu verschieden sind sie. Eden gehört beiden, bedeutet ihnen aber nicht dasselbe.
„Agnes!“
Albin hält sie plötzlich von hinten umschlungen, sie lässt es im ersten Schreck geschehen, dann macht sie sich eilends frei.
„Ich wollte dich eben peilen. Lass dich anschauen – gut siehst du aus! Das Gesicht ist neu?“
Albin schneidet eine Grimasse und tätschelt sich die Wangen. „Was fällt dir ein, alles Natur! Generiert aus meinen eigenen Hautzellen.“
„Lass mich rechnen!“ Agnes hängt sich bei Albin ein. „Ich bin vierzig, also bist du ... sechsundfünfzig, bloß noch vierzehn Jahre bis zur Pensionierung.“
„Man ist nur so alt, wie das Biometer es anzeigt. Und die Filmerei, Schwesterchen, lass dir gesagt sein, ist ein Jungbrunnen.“
Sein schelmisches Lachen verrät nichts Gutes. „Du bist also nicht allein gekommen?“
„Doch. Nur ... vielleicht erhalten wir Besuch.“
„Bitte nicht! Deine jungen Schauspieler passen nicht hierher.“
„Falsches Geschlecht.“
„Eine Frau diesmal? Sind Schauspielerinnen etwa besser?“
Er zieht einen ipod aus der Tasche und drückt ihn ihr in die Hand. „Du kannst sie dir selber anschauen, sie spielt die Hauptrolle in meinem neuen Film.“
„Ist der schon fertig?“ Agnes dirigiert ihren Bruder Richtung Wagen.
„Vor zwei Wochen abgedreht, gleichzeitig mit dem Dreh geschnitten, morgen ist die Download-Premiere. Fährst du noch immer diese alte Sardinenbüchse?“
„Das Auto läuft, solange es läuft. Gibt es keinen Kinostart?“
"Kino gibt es seit zwanzig Jahren nicht mehr, wo lebst du bloß?“
„Dort, wo man noch kann.“
Linus verlässt das Haupthaus. Sein Körper wächst schneller als sein Koordinationsvermögen, seine Glieder sind so schlacksig wie seine Bewegungen linkisch, was ihm selbst nie auffallen würde. Mit Bedacht biegt er in den Eden-Rundweg ab, so kommt er an den Bungalows für Kurzzeitgäste vorbei. Beim zweitletzten, Nummer 13, geht prompt der Klett seines Basketballschuhs auf. Obwohl er ihn sorgfältig richtet, bevor er ihn zuklettet, und den Aufbau des zweiten Schuhs von Grund auf überdenkt, bleibt sein Schielen erfolglos. Die Tür ist verschlossen, die Jalousien sind dicht und produzieren Strom.
Leisa ist nicht da.
Enttäuscht trottet Linus weiter. Heute hätte er wenigstens mal was zu erzählen: Attacke auf Eden! Das Resort im Würgegriff von Erpressern! Oder so. Leisa ist derzeit das einzige Mädchen hier. Das einzige in seinem Alter. In seiner Reichweite vor allem, und nur die zählt. Die Reichweite ergibt sich aus der Quersumme von Größe, Gewicht, Coolness, Anzahl Pickel und Intelligenzquotient. Von ihm, selbstverständlich, nicht von ihr. Sie kann wählen.
Die Mädchen können immer wählen, das ist es ja!
Leisa ist zum Glück nicht so wie die andern, sie behandelt ihn nie herablassend, trotz des Altersunterschieds. Sie ist fünfzehn, er vierzehn.
„Ein nettes Mädchen, diese Leisa!“
Der Begrüßungssatz von Lucrezia, als er bei ihr ankommt. Ihre Finger verlassen bedauernd die rohe Steinskulptur neben der Tür. Sie tritt auf die Terrasse. Lucrezia wird ihm langsam unheimlich. Sie sieht nichts mehr, hört kaum noch was, aber stets über alles im Bild!
„Wie kommst du auf Leisa?“
„Ich habe dich gesehen. Komm, setz dich neben mich, Linus, mir musst du nichts vormachen. Weißt du, früher hatten es die Jungs einfacher, da gab es noch Schnürsenkel, an denen konnten sie stundenlang nesteln.“
„Ich denke, du siehst nichts.“
„Ich bin kurz-, mittel- und weitsichtig, ganz nach Bedarf. Darf ich dir einen Rat geben?“
„Lässt du dich davon abhalten?“
„Nein. Ich weiß, dass ich keine Expertin bin. Aber es ist der Vorteil im hohen Alter, dass man sich an die Jugendjahre besser erinnert als an das Frühstück von heute morgen.“
„Du frühstückst nie, Grooßgotta!“
„Tatsächlich? Dafür weiß ich noch: Als Mädchen wollte ich überrascht werden.“
„Schon klar. Und jetzt empfiehlst du einen Blumenstrauß als Geschenk!“
„Unsinn. Lass dir etwas Verrücktes einfallen! Sammle Schweife von Sternschnuppen und flechte deiner Leisa eine goldenen Hängematte. Suche eine Gletschermühle, fang darin die Reueträne einer Armen Seele auf und schenke sie ihr in einem Fläschchen, oder noch besser ... Was ist, warum sagt du nichts?“
„Ihr Weiber seid alle verrückt!“
Lucrezia kichert, bis sich ihr altersgekrümmter Körper schüttelt. „Siehst du, das Wesentliche hast du schon erfasst.“
Linus setzte sich ergeben zu ihr in den Schatten und berichtet, was geschehen ist.
Agnes hat Mühe, sich auf die Strasse zu konzentrieren, am liebsten würde sie Albin den Erpresserbrief vorlesen und mit ihm die Lage analysieren.
Noch ist nicht der Moment für eine solche Diskussion. Sie wird sich erst ein eigenes Bild machen.
Für Albin ist die Fahrt eine Reise in die Vergangenheit. Wie er es sich in den letzten Wochen jedesmal ersehnt hatte, wenn er auf dem Filmset von den gegensätzlichen Ansprüchen gevierteilt wurde. Jetzt entspannt er sich, nähert sich der Heimat, die er bei seiner Mutter in Zürich nie gefunden hatte. Zuhause fühlt er sich nur in Plon, hier hat er die prägendsten Wochen seines Lebens verbracht. Die gefährlichsten auch. Der Überlebenskampf mit seinem Vater in der Gletscherhöhle, nur Wochen später Severins Unfall. Lucrezias Freund, der ihn ... Albin verdrängt die fürchterlichen Bilder der steinernen Lawine, wie er es seit vierzig Jahren regelmäßig tut. Seine Hand tastet in der Jacke nach dem Atemspray. Agnes beklagt sich indes über die pubertäre Unzuverlässigkeit von Linus. Nicht einmal für die wichtigsten Aufgaben zeige ihr Sohn Interesse, und letzte Woche sei er von der Brandwache davongelaufen, einfach verantwortungslos! Albin pflichtet ihr bei, die unterdrückte Spannung in Agnes' Stimme nimmt er nicht wahr. Abwesend starrt er durch die getönten Scheiben des Solarmobils auf die staubgrauen Hänge des unteren Plontals. Seine Gedanken kreisen immerfort um seinen Vater. Zeitlebens hatte Silvan Bohrer nach Schuhen gesucht, die in die Fussstapfen seines eigenen Vaters passten, ohne zu merken, dass beide exakt dieselbe Schuhgröße trugen. Zwei Visionäre, jeder zu seiner Zeit. Zuerst Josef Bohrer, der Bohrersepp, der Grossvater, der vor fast hundert Jahren die Möglichkeiten des Ploner Stauwerkes vor allen anderen erkannt hatte, und zum Dorfkönig aufgestiegen war. Dann Silvan, der als Erster in Plon merkte, dass der Klimawandel zuerst das Ökosystem in den Alpen aus dem Lot bringen würde. Silvan hatte das Eden-Resort aus dem Boden gestampft und zum Erfolg geführt, zusammen mit Lena und Lucrezia.
Und er, Albin? Der dritte Bohrer schlägt quer, ist nicht Pionier, nur Regisseur, und die wirklich schwierigen Aufgaben hat er stets Agnes überlassen, daran gibt es nichts zu deuteln. Lange ist er trotzdem überzeugt gewesen, das Richtige zu tun. Er hat seinen Bildern vertraut, und den Botschaften, die darin angelegt waren, in der Hoffnung, seine Ideen würden keimen und Triebe schlagen. Wie bei seinem ersten Film, in dem er seine frühen Ploner Erlebnisse verarbeitet hatte. Es war 2009 der erste Schweizer Katastrophenstreifen überhaupt gewesen: Plon statt Hollywood, einstürzende Schluchten statt Wolkenkratzer, Eislawinen und Murgänge anstelle der üblichen Lava-Ströme, und die Zombies waren bei ihm bloß Arme Seelen gewesen.
Nach der Vorstellung waren die Zuschauer in ihren riesigen Jeeps, die es damals noch gegeben hatte, nach Hause gefahren. Wie trotzige Kinder.
Womit hätten sie sonst die Angst vor dem, was kommen würde, betäuben sollen?
Der Merkhammer des Todes hat Albin das Tor zur Welt geöffnet. Er ist hindurchgerannt, blindlings, hat Agnes Eden überlassen und den eigenen Ruhm gemehrt. Mit homöopathisch dosiertem schlechtem Gewissen. Drei Jahrzehnte und fünfzehn Filme liegen zwischen jener Zeit und heute. Er weiß, dass er das tut, was sein Vater Silvan gern gemacht hätte und fragt sich manchmal, ob er nicht gescheiter machen würde, was sein Vater getan hat.
„Das Leben ist absurd.“
„Ein neuer Filmtitel?“
"Die Arbeit erfüllt mich nicht mehr, ich habe es mir nur lange nicht eingestanden. Weißt du was? Ich höre vielleicht sogar auf.“
„Weshalb jetzt plötzlich?“
„Eine Altersfrage, vielleicht.“
„Man fühlt sich nur so alt wie das Biometer anzeigt.“
„Schwesterchen!“
„Hast du gesagt.“
„Ich weiß. Mein Erinnerungsvermögen ist intakt. Zeitweise.“
„Ich hätte was für dich. Es gibt hier sogar jede Menge Arbeit.“
„Ja?“ Albin fragt mehr aus Höflichkeit. Die nostalgischen Gefühle würden sich wieder legen, er kann sich nicht vorstellen, in einem abgelegenen Ort wie Plon zu leben, dafür ist er nicht erschöpft genug.
„Wir reden später“, sagt Agnes. Solange sie nicht einschätzen kann, wie ernst die Erpressung ist, will sie keinen Wirbel entfachen.
„Schau dich einfach mal um, dieser Anblick müsste dir zu denken geben. Da, das Dorf am Hang drüben! Es ist verlassen, ständige Erdrutsche in den Regenzeiten haben es unbewohnbar gemacht. Die Ruinen auf der gegenüberliegenden Talseite zeugen vom Gegenteil: Jener Weiler ist letzten Sommer bis auf das letzte Haus abgebrannt. Sturzfluten, Feuerwalzen, mal das eine Extrem, mal das andere, wir müssen uns fast täglich auf die nächste Bedrohung einstellen. Von den größten erzähle ich dir ein anderes Mal. Im Resort werden sie dich ohnehin in Beschlag nehmen. Wir haben viele Gäste, die ständig nach dir fragen. Nicht zu vergessen Linus. Und d'Gotta!“
„Lucrezia! Geht es ihr gut?“
„Siebenundsiebzig ist sie schon. Und ja, ich glaube, es geht ihr gut. Musst sie selber fragen, dir wird sie es erzählen. Du und Noah seid ihre Lieblinge, mir verrät sie wenig. Wahrscheinlich ihre Art von Rücksichtnahme. Sie will mich nicht zusätzlich mit ihren Problemen belasten.“
Albin betrachtet die Landschaft hinter den Absperrgittern der Autobahn, die vor Jahren zum Schutz gegen die Ölpiraten aufgestellt worden sind; selbst die Brücke über die Plon ist in einen Eisenkäfig gepackt. Unter ihr der einst so stolze Fluss, verkommen zum sommerlichen Rinnsal. Damals die Lebensader des Wallis, eine tatsächliche und philosophische Verbindung des eigenwilligen Bergtals mit dem Süden, mit dem Mittelmeer. Heute füllt der Fluss sein Bett zu einem Fünftel, und Albin weiß nicht mal, ob er da unten im Mittelmeer überhaupt noch ankommt.
Ohne die Sehnsucht von einst.
Lucrezia dreht an der Kurbel des Kollektoren-Schildes, bis sein Schatten auf den Schaukelstuhl fällt. Wieder eine Erpressung! Ein untrügliches Gefühl sagt ihr, dass sie diesmal nicht so glimpflich davonkommen. Sie tastet nach der Lehne und setzt sich mit einem Seufzer. Früher hat sie beim Hinsetzen nicht geseufzt, fällt ihr auf. Severins alter Stuhl hingegen hat beim Schaukeln schon immer geknarzt. Wie einst die Treppen in der Gsponer Schmiede, die es nicht mehr gibt. Und vom Dorf ist nur eine Steinwüste geblieben, am Fuß der zerfallenen Schattwand. Agnes hat ihr Satellitenfotos davon ausgedruckt. Lucrezia erkennt ihre alte Heimat nicht mehr.
Der Stuhl unter ihr ist so alt wie sie, ein Relikt wie sie. Zwei Zeugen einer anderen Zeit. Sonst ... ist nicht viel geblieben, aus den Gsponer Zeiten. Ein paar Erinnerungen, viele davon fadenscheinig, dazu Lisbeth Comets Bilder drüben im Hauptgebäude, und eben: der Schaukelstuhl. Severins Hände ruhten da, wo ihre nun liegen, sein Rücken hatte sich an dieselbe Lehne geschmiegt ...
Severin ist seit vierzig Jahren tot.
Wenigstens besucht sie Linus öfter. Ein guter Junge, Agnes’ Sohn. Er hat es schwer, seine Mutter ist so verdammt stark. Wie einst Lena! Nur wirkt Agnes verbissener. Noah hingegen ist geworden, wie Severin Somm gewesen ist. Braucht euch nicht zu wundern, sind eure Kinder! Kinder des Schicksals. Schicksalskinder. Himmel, was ich im Kreis herumdenke!
Die Leute haben recht: Das Alter macht einsam und die Einsamkeit macht wunderlich.
Es wird Zeit für sie. Die Ahnung verdichtet sich behutsam zur Gewissheit.
Sie ist eben alt geworden, wider Erwarten. Ein Lächeln scheint auf, verspielt sich in den Falten ihres Gesichtes. Alt, unbeweglich und einviertelblind. Kein Wunder, dass der Kopf verrückt spielt. Dazu die Hitze, jedes Jahr ein bisschen unerträglicher.
Zum Glück ist sie damals nach Plon gezogen, als sie Gspona verlassen hatte. Hier herauf und nicht ins Flachland. Oder wäre es für Severin dann anders gekommen? Nein, es ist jedem vorbestimmt. Wenn sie es sich nur schon vorstellt, ein Leben unten im Flachland! Noch viel heißer ist es dort. Und in der Übergangszeit feucht, stickig. Eine Kloake malt sie sich manchmal aus, wenn die Fantasie mit ihr durchgeht, als hätte die Verwesung der Menschheit unten in den Städten schon eingesetzt. Aber im Grunde weiß Lucrezia gar nicht, wie es sich in den verbliebenen Trockengebieten lebt, in Zürich oder Basel, in Deutschland und Italien, in ... wie nannten sie das heute? Europa 4.4! Vier für die vierte große Reform der erweiterten Europäischen Union und für die angebrochenen Vierzigerjahre. Manche scherzen, vier stünde auch für die zusätzlichen Sprachen, nachdem die Schweiz doch noch den Beitritt gewagt hat, knapp zwanzig Jahre nach dem vorletzten europäischen Land. Letztendlich aus der Not heraus. Ein einzelner Staat ist ohne die Hilfe der multinationalen Schutztruppen jeder neuen Flüchtlingswelle hilflos ausgeliefert.
Wie ist sie jetzt wieder darauf gekommen?
Agnes verabschiedet sich an der Rezeption von Albin und eilt zur Personalbesprechung. Das Kleid klebt ihr feucht auf der Haut. Die Silhouette der Plonspitze ist in einen schwefelgelben Horizont gestanzt, afrikanischer Wüstensand stiebt wieder durch die Alpen.
Was wird dem Wind und dem Sand folgen?
Den Angestellten erzählt sie nichts vom Erpresserschreiben. Vielleicht dramatisiert sie ihn ja bloß. Wäre nicht weiter verwunderlich, nach allem, was sie in den letzten zehn Jahren hat durchstehen müssen, während rundherum die Natur langsam kollabiert ist. Sie hat unzählige Angriffe abgewehrt, Vereinnahmungs- und Übernahmeversuche, zeitweise im Wochentakt. Glücklicherweise haben sämtliche Eden-Verträge von Silvan und Lena Laufzeiten bis zu hundert Jahren. Der Boden gehört ihr und Albin, daran kann niemand etwas ändern, der Staat müsste sie schon enteignen. Die Wasserrechte und die Bewilligung für den Eden-Betrieb mitten im Naturpark hat sie kürzlich für weitere dreißig Jahre ausgehandelt. Dem Zuschlag waren etliche jener streng demokratischen, schweizerischen Tauschgeschäfte vorausgegangen, in denen sie mittlerweile ganz begabt ist. So wie sie den steten Nadelstichen der Elektrischen, wie alle hier Pure Water noch immer nennen, auszuweichen weiss.
Eden ist längst mehr als ein Hotel. Eden ist ein letztes Refugium für jene Dauergäste, die es sich leisten können. Die Bungalow-Preise liegen weit über allen vergleichbaren Miet- oder Kaufpreisen. Was einst aus dem Idealismus ihrer Eltern entstanden war, ist heute eine reine Luxusinsel im noch kühlen Flischwald. Selbst im Hochsommer gibt es hier noch Tage unter fünfunddreißig Grad. Zumindest in früheren Jahren, korrigiert Agnes sich, der Schnitt in der aktuellen Hitzeperiode liegt bei siebenunddreißig Grad. Kein Tropfen Regen seit drei Wochen. Die Föhren, die den Flischwald berühmt gemacht hatten, sind längst den Flaumeichen gewichen und haben sich in höhere Lagen zurückgezogen, weit über die einstige Waldgrenze hinauf, wo Bäume vor wenigen Jahren noch gar nicht gedeihen konnten.
Die anhaltende Trockenheit verschärft die Waldbrandgefahr täglich, das wissen auch die Erpresser. Ein Brand wäre das Ende von Eden.
Und immer nur einen Funkenschlag entfernt.
Etwas fahrig legt sie mit den Köchen das Menü für den Abend fest, dann beendet sie die Besprechung vorzeitig und steigt in den Kontrollraum hinauf.
Die Rezeptionistin fragt Albin, ob ihm ein Zimmer genüge, die Bungalows seien heute noch alle besetzt.
„Ja, ein Zimmer reicht.“
Er setzt sich für einen Moment in die Halle und genießt die Kühle. Die Erfindungen seines Vaters sind Gold wert. Über einen Meter dick hat Silvan Bohrer die Wände einst bauen lassen, hier und bei allen Bungalows des Resorts. Das Ausgangsmaterial sind mit Lehm verputzte Strohballen, die oberste Schicht ist ein Lehm-Kalk-Gemisch. Das ergibt die perfekte Isolation für die Sommermonate. Alle Bauten des Eden-Resort basieren auf derselben Kombination von uraltem Handwerk und moderner Architektur. Damals moderner Architektur, korrigiert Albin sich, vor vierzig Jahren. Noch bei Baubeginn, erinnert er sich, haben sich die Ploner über den neusten Bohrer-Spleen lustig gemacht; die Zeit der Utopien sei vorbei, das habe der Kraftwerk-Unfall doch bewiesen, und wozu denn eigentlich der Beton erfunden worden sei?
Die Fehler der andern müsse er nicht wiederholen, lautete Silvan Bohrers stereotype Antwort, er riskiere lieber eigene.
Die Sonnenstoren sind ein Beispiel für die konsequente Planung der Eden-Häuser. Eine Markise wird stets nach der Sonne gerichtet, genauso wie Kollektoren. Was also liegt näher, als beides zu kombinieren? So wie Strohballen mit Kalklehm. Selbst das jahrhundertealte Walliser Kanalsystem hat dank Silvan und Lena eine Auferstehung erlebt. Die Holzkännel sichern noch heute die Wasserzufuhr vom Schluchtsee, reguliert sie über viele Schleusen, verteilt die Wasser im ganzen Resort, und verbindet die in den Boden eingelassenen Regenwasser-Zisternen der Bungalows untereinander. Diese Zisternen sind Zierteich, Wassersammler und Wärmespeicher in einem. Die Wässerwasser von Eden. Ihre Ahnen hatten sie vor einem Jahrhundert sogar die Heiligen Wasser genannt. Dank ihnen besitzen Albin und Agnes jetzt diese grüne Oase in einem Land, das in den Sommermonaten verdorrt, im Winter und Frühjahr hingegen verschlammt, wenn die Regenstürme über die Talschaften niedergehen und die steten Hochwasser die Walliser zermürben.
Er darf gar nicht daran denken, was sie verdienen könnten, wenn sie ihr kleines Paradies hier veräußern würden!
Aber solange Agnes das Resort führt, bleibt der Verkauf eine Illusion. Dabei würden die Käufer Schlange stehen. Wenn er den Flischwald nur mit den Landschaften vergleicht, die er in den letzten Tagen durchquert hat! Erst die apokalyptische Dünen- und Steppenlandschaften im Süden Frankreichs, die Autowracks entlang aller Strassen, hinein in die Retortenstädte, die sie bei der großen Stadtflucht vor zwanzig Jahren in die Provinz gepflanzt haben. Jene Wohnsilos stehen bereits wieder leer, bis auf jene, die seit den Hungerjahren von afrikanischen Flüchtlingen bewohnt werden. Im Flischwald haben sich Silvans einfachste Ideen bewährt, andernorts erfinden sie intelligente Fassaden, neue Mauerwerke, revolutionäre Verkehrssysteme, verwerfen alles wieder, nichts wird wirklich besser, aber für eine Tankfüllung Benzin knallen sie dich noch immer ab!
Ein rascher Blick durchs Fenster des Kontrollraums bestätigt Agnes die Position des Fesselballons, der die Überwachungskameras über den Baumwipfeln trägt. Sie setzt sich vor die Monitore. Zusammengesetzt ergeben die Kamerabilder eine komplette Luftansicht des Resorts. Sorgfältig kontrolliert sie alle Bildschirme: Nichts, kein Rauch, keine ungewöhnliche Hitzeentwicklung ... Sie tritt ans Fenster. Wenn es zur offenen Konfrontation kommt, wird der Ballon ein erstes Ziel sein. Er ist nicht nur von der Kollektorenmembran ummantelt, die ihn mit Energie versorgt, zwischen Gummihülle und Kollektoren hat Agnes eine schützende Titanschicht einbauen lassen. Aus dem selben Material ist die Ankerleine gefertigt; all das gegen den Willen der Techniker, die damals bei der Herstellung keinen Grund dafür sahen.
Keinen Grund!
Sie entrollt das e-paper und dreht den Schriftkontrast hoch.
Verehrte Besitzer des Eden-Resorts
Wir stellen fest, dass Sie sich zu den Herrschern über das Wasser im Plontal aufschwingen. Sie haben sich der letzten natürlichen Ressource dieses Tales bemächtigt und nutzen diese für sich alleine. Ein ganz und gar unsozialer Akt, den wir nicht tolerieren können. Unser Wohlwollen und damit den Schutz vor denkbaren Angriffen auf Ihr Resort können Sie nur auf eine Art wieder gewinnen: Beteiligen Sie uns an Ihrem unrechtmäßigen Reichtum. Öffnen Sie die Abfluss-Schleuse des Schluchtsees, um 24 Uhr in der Leermondnacht vom 25. Juli auf den 26. Juli. Lassen Sie das Wasser während drei Stunden ungehindert strömen. Erfüllen Sie unsere Bedingungen, sehen wir der Zukunft Ihres Resorts zuversichtlich entgegen. Wenn nicht, werden Sie Ihr ganzes Wasser für Löscharbeiten brauchen. Und selbst das wäre nur ein Tropfen auf den heißen Stein, um mit einem Ihrer Bilder zu sprechen. Zur Bekräftigung unserer Bitte werden wir heute nacht um elf Uhr drei Warnfeuer zünden und nach exakt dreißig Sekunden wieder löschen. Diesmal noch.
Keine Unterschrift.
Weshalb drückt der sich so süffisant und geschwollen aus? Wasser her, sonst räuchern wir euch aus! Warum wieder sie? Weshalb legen die sich nicht mit den Elektrischen an und plündern den Ploner Stausee? Die Antwort kennt sie bereits: Der See dort ist im Gegensatz zu ihrem leicht überschaubar, er gleicht einer Festung und Pure Water besitzt die nötigen Mittel, ihr Wasser unter den riesigen Solarpanels zu verteidigen.
Eine offene Schleuse, drei Stunden lang, bei dem Durchmesser – wer kann ihr berechnen, wieviele Kubikmeter Wasser das wären? Und wieviel ihr für den Rest des Sommers noch bliebe? Stecken Dealer dahinter, die Wasserhandel treiben und sie weiter erpressen würden, oder Flüchtlinge, die das Wasser für sich brauchen und weiterziehen würden?
Die nächste Panikattacke schnürt Agnes die Luft ab, schwarze Schatten umtanzen sie, sie weicht rückwärts an die Wand, schließt verzweifelt die Augen. Albin ist hier, und ja, Noah wird bald kommen! Der Gedanke an ihn beruhigt sie. Severins Sohn ist ein Profi auf diesem Gebiet, er wird ihr helfen können. Wenn einer, dann er.
Auf öffentliche Hilfe braucht sie nicht zu hoffen. Seit einige nationale Berühmtheiten im Eden Bungalows gemietet haben, durchkämmt die Armee den Wald zwar regelmässiger und löst Flüchtlingscamps oder Bandenstützpunkte frühzeitig auf, doch weil überall im Land Wassernot herrscht, haben sie die Truppen an strategisch wichtigeren Orten zusammengezogen.
Agnes tritt ans Fenster. Albin geht unten den Rundweg des Resorts entlang, in die Richtung von Lucrezias Bungalow. Sie schaut ihm nach, bis er zwischen Sicherungszaun und Dickicht verschwindet. Im selben Moment schlägt die Glocke der Ploner Kirche Mittag. Wie immer in einsamen Momenten erinnert sie Agnes daran, dass sie schon lange nicht mehr am Grab ihrer Eltern gewesen ist.
14. Juli. Nachmittag
Das Zirpen der Grillen übertönt Albins Schritte. Ein zweites Geräusch irritiert ihn zunehmend. Das kaum wahrnehmbare Summen, das er erst für eine Täuschung gehalten hatte, kommt vom elektrischen Zaun. Bei seinem letzten Besuch hat das Sicherheitsgitter, das die Bungalows des Eden-Resorts schützt, noch nicht unter Strom gestanden. Jetzt fließe er so stark, dass er Tiere nicht gleich töten, potentielle Langfinger aber nachhaltig verbrennen würde, hat Agnes ihm bei der Anfahrt erklärt. Albin bleibt stehen. Zentimeter für Zentimeter verringert sich der Abstand zwischen Zaun und seiner Hand. Erst im letzten Moment vor dem Kontakt zieht er die Hand zurück. Mit einem Kopfschütteln über die eigene Unberechenbarkeit geht er weiter. Vor kurzem noch hätte er es wirklich gemacht.
Teufel auch, was tut er eigentlich hier? In diesem abgelegenen Schweizer Bergtal, allein, als wäre er schon am Ende angekommen.
Der Wald öffnet sich zu Lucrezias Bungalow hin. Sie sitzt in ihrem geliebten Schaukelstuhl.
„Endlich!“ sagt sie vorwurfsvoll, während er sie umarmt.
„Ich bin gleich als erstes zu dir gekommen und habe meine kleine Wanderung auf nachher verschoben. Ich muss mir die Thrombosen aus den Beinen treten. Kommst du mit?“
„Seh ich aus wie eine Spitzensportlerin?“
„Fischst du nach Komplimenten?“
„Hab ich die so nötig wie du?“
„Braucht man Luft zum Atmen?“
„Hoffentlich nicht mehr lange ...“
„... denn sie geht uns aus.“
Beide schweigen.
„Aber wer will schon ewig leben!“, beginnt sie wieder.
„Du, wie es scheint.“
„Sind erst siebenundsiebzig Jahre.“
„Wär Silvan noch da ...“
„Wär er so alt wie ich.“
„Und so wie Lena.“
„Es ist, wie es ist“, beschließt Albin ihr übliches Ping-Pong. „Wie geht es dir?“
"Gut. Abgesehen von den Augen, vom Gehör, vom Rheuma, von der Verdauung und von der Hitze. Und du? In der Welt da draussen?“ Ihre Handbewegung über die Baumwipfel hinaus ist abschätzig und sehnsüchtig zugleich.
„Da ist es noch heißer.“
„Also bleibst du diesmal hier?“
Verblüfft schaut Albin sie an.
„Woher willst du wissen, was ich niemals denken werde?“
„Ich muss alles erahnen, wenn ich schon nichts mehr höre und sehe.“
Beide lachen. Die Stille danach hält diesmal länger an, Albin wird ruhiger. Auf diesen Moment hat er sich gefreut. In den letzten Monaten hat er oft an die Zeit gedacht, als er fünfzehn, sechzehn gewesen war, an Agnes Geburt und Selmas Tod. Seine eigentliche Großmutter. Der Verlust hatte ihn so hart getroffen wie seinen Vater. Der hatte damals Agnes und Lena, die ihm Kraft gaben, er nicht.
„Etwas habe ich dir nie gesagt. “
„Nur etwas?“
„Wenn du nicht gewesen wärst, nach Selmas Tod, ich hätte den richtigen Weg vielleicht nicht gefunden, verwirrt, wie ich gewesen bin. Du weisst schon. Dafür wollte ich dir danken: für die Gespräche, deine Geschichten, die blöden Gleichnisse, die du mir untergejubelt hast ...“
Lucrezia nimmt seine Hand und verschränkt seine Finger mit ihren runzligen.
„Nichts zu danken.“
Wieder hängen beide lange ihren Gedanken nach, bevor Lucrezia den Faden aufnimmt.
„Du wirst langsam alt, wenn du dich so klar an deine Jugend erinnerst, scheint mir. Ich glaube aber nicht, dass du bloß zur Danksagung nach Eden zurück gekommen bist.“
„Wer weiß. Ich bleibe aber sicher nicht lange hier.“
„Irgend etwas bahnt sich an, Noah wird auch anreisen.“
„Noah? Hast du ihn darum gebeten?“
„Nein. Ihr beide hier, bei mir, gleichzeitig – das hat es schon lange nicht mehr gegeben. Ich freue mich. Und ihr kommt keine Woche zu früh.“
„Weshalb?“
„Hat Agnes noch nichts davon erzählt?“
„Wovon?“
„Wird sie bald tun.“
„Das mit Noah und mir ist ein reiner Zufall.“
„Gott würfelt nicht“, entgegnet Lucrezia lächelnd.
„Tut er doch, aber mit gezinkten Würfeln.“
„Du zitierst aus deinen eigenen Filmen?“
„Du schaust meine Filme?“
„Ich hör sie mir an und seh bloß ein Schattentheater.“
„Ich kann ja mal ein Hörspiel machen.“
„Bis das fertig ist, ist auch mein Gehör dahin.“
„Ich geb’s auf, ich kann mit dir nicht mithalten.“
„Du hattest schon immer zuwenig Biss.“
Als Agnes gerade den Kontrollraum verlassen will, meldet die Überwachungskamera am Eingangstor eine Bewegung. Sie erfasst ein seltsames Gefährt. Seine Grundstruktur ist wohl eines der früheren Benzinmotorräder, verkleidet mit riesigen Solarpanels, die Form des Fahrzeugs ähnelt so einem Rochen, auch eine jener Fischarten, denen die steigenden Meerestemperaturen nicht bekommen sind ... Der Fahrer trägt eine altmodische Lederhaube, die Augen werden von einer metallgefassten Taucherbrille geschützt, sein Körper steckt in einem antiken Lederkombi, die Stiefel zieren rundum massive Metallverstärkungen. Wie hält der Spinner das aus, bei dieser Hitze? Agnes atmet tief ein. Einer der Erpresser? Er ähnelt zumindest den Fahnungsbildern mobiler Ölpiraten im WebTV.
„Sie wünschen?“ Agnes Stimme im Torlautsprecher lässt den Fahrer zusammenzucken. Er sucht nach der Kamera, entdeckt sie schließlich im geschwungenen Bogen des Tores, und zieht in aller Ruhe die Lederhandschuhe aus.
„Ich möchte hinein.“
„Ach so.“
„Ich bin Gast.“
„So sehen Sie nicht aus.“
„Nicht?“
Wer zum Teufel ist das?
„Jetzt lass mich schon rein, Agnes!“
Er nimmt die Brille von den Augen.
„Noah?“
„Hab ich mich so sehr verändert.“
„Ja, nein, tut mir leid, ich hab dich nicht ... nur einen Moment.“
Bevor Agnes den Knopf drückt, vergewissert sie sich mit der beweglichen Kamera, dass niemand sonst in der Nähe des Tores ist.
Sie wartet vor dem Haupthaus. Noah verträgt die Hitze wirklich, denkt sie. Er nimmt die staubige Lederhaube erst drinnen ab.
„Sieben Jahre, seit ich zum letzten Mal hier gewesen bin“, sagt er halblaut, mehr zu sich selbst.
Agnes betrachtet ihn erstaunt. Weil es tatsächlich so lange her ist, seit sie sich zum letzten Mal gesehen haben, und weil er anders aussieht als in ihrer Erinnerung. Die einst schulterlangen Haare sind jetzt millimeterkurz geschnitten. An etlichen Stellen sprießen sie nur noch spärlich. Seine Haut ist so braungebrannt, als gehöre er zu den letzten Wahnsinnigen, die sich gerne in der Sonne aufhalten. Die Falten in seinem Gesicht gleichen Kerben, sie verraten, dass er älter ist als Agnes. Nicht viel, vier Jahre, wenn sie sich richtig erinnert. In der Kindheit haben sie so manche Ferienwoche miteinander verbracht. Lange her. Später, als Erwachsene, sind sie sich nie sehr nahe gekommen. Es war für ihn auch nicht einfach gewesen, hier in Eden, wo jeder mit Ehrfurcht von seinem Vater Severin Somm sprach.
„Ein Bier?“
„Gern.“
Noah schaut ihr sinnierend hinterher. Agnes ... seine kindliche Begleiterin während der Zeit, die er hier verbracht hat. Von seiner Mutter abgeschoben, von Lena und Silvan fast adoptiert. Zu Beginn aus schlechtem Gewissen wahrscheinlich, weil sie sich für Severins Tod verantwortlich gefühlt hatten.
Agnes hält das Eden-Resort offensichtlich in Schuss. Ohne Ehemann mittlerweile, das weiß er aus Lucrezias Briefen. Jener Alberto Sacripanti ist nie eine grosse Hilfe gewesen. Noah hat Agnes bei aller Distanz zwischen ihnen immer geschätzt. Ihren Mann weniger. Was aber nichts heißen muss, er kommt mit vielen Menschen nicht aus. Wer wie er von einer Extremsituation in die andere springt, hat zuwenig Geduld für das normale Leben. Seine Dienste sind gefragt, Katastrophensöldner werden überall gebraucht. Noah kann sich die Einsätze nach Belieben auswählen. Dafür arbeitet er immer unter Zeitdruck, geht Risiken ein, hat niemals Muße für jene Nebensächlichkeiten, die vielen Menschen das Leben ausmachen.
Der Preis ist zu hoch geworden.
„Woher kommst du?“ Agnes gestattet sich auch ein Bier. Ihre Flaschen klirren gegeneinander. Schon die zweite Ankunft eines Helfers heute, das ist kein Tag wie andere!
„Tirol. Schmelzender Permafrost. Felssturz und ein Talausgang, den wir wieder frei sprengen mussten.“
„Erfolgreich?“
„Viel Flurschaden, aber keine Verletzten.“
„Gratuliere.“
„Man tut nicht immer viel dazu.“
Kokettiert er? fragt sich Agnes unwillkürlich. „Du kommst gerade rechtzeitig.“
„Ich will hier Ferien machen.“
„Das auch, aber wenn du schon da bist, mit all deinen Erfahrungen! Ich möchte dir etwas zeigen.“
Er überfliegt den Zettel. Nichts vom Gelesenen scheint ihn zu überraschen.
„Kennst du solche Fälle?“
Er nickt. „In Ländern, die noch längere Trockenphasen haben, interessiert sich die Mafia längst nicht mehr für Öl. Wasser ist die erste Geschäftsalternative, im Vergleich zu Öl einfacher zu klauen, zu transportieren und zu verdealen. Warum bedienen die sich nicht gleich beim See oben oder unten an der Plon?“
„Die Plon ist praktisch ausgetrocknet. Und oben am See kommen sie nicht ran. Mittlerweile haben wir einen elektrifizierten Sicherheitszaun, die Kameraüberwachung, ein komplettes Kontrollsystem.“
„Bis zur Schlucht hinauf? Ihr habt ausgebaut.“
Agnes hat die Bierflasche auf das Tischchen zwischen ihnen gestellt, sie reibt sich mit beiden Händen die schmerzenden Augen.
„Müde?“
Sie nickt widerwillig.
„Ich werde tun, was ich kann.“
„Danke. Das weiß ich zu schätzen.“ Und sag mir jetzt bloß nicht, das seist du dem deinem Vater schuldig, sag einfach, du tust es für uns!
Albin pumpt Luft in seine allergiegeplagte Lunge. Seit er losgewandert ist, hat er den Spray noch nicht gebraucht. Natürlich trägt er ihn bei sich, wie immer, in der rechten Hosentasche. Das Wandern ohne Beschwerden ist die erste Entschädigung für seinen Aufenthalt abseits der Welt. Er folgt der oberen Grenze des Flischwaldes, den Schatten der Bäume verlässt er nicht. Parallel zu den Höhenkurven auf der Karte ist er durch den Wald gewandert, auf der Suche nach jenem verwunschenen Teich aus seinen Jugenderinnerungen.
Der Teich müsste fast auf der Höhe der Edenquelle liegen, einige Kilometer näher bei der Furgg und Plon, noch vor dem Erdrutschgebiet. Wenn er noch existiert. Oder hat es ihn nie gegeben? Seine Erinnerungen haben sich schon früher als trügerisch erwiesen. Selbsttäuschungen im Dutzend ... Albin beschließt, noch fünf Minuten weiterzugehen, dann will er umkehren, der Tag geht schon bald zur Neige. Er kraxelt eine Anhöhe hinauf, an Ästen und schorfigen Baumstämmen zieht er sich das letzte Stück nach oben. Der Anblick, der sich bietet, ist ernüchternd. In einer Mulde zu seinen Füssen liegt tatsächlich der gesuchte Teich, oder besser: Das, was von ihm übrig geblieben ist. Einst hatte er den Himmel gespiegelt, rundum behütet von dicht stehendem Schilf, doch geblieben ist bloß eine Vertiefung im Gelände, bereits zugewuchert von Heidekraut und verdorrenden Heidelbeer- und Alpenrosenbüschen. Albin setzt sich da zu Boden. Das trockene Moos unter ihm piekst. Er lächelt. Wie damals, kurz vor jenem überraschenden, stoppligen Kuss, der ihm erklärt hatte, weshalb er sich nur mäßig für die Mädchen im Dorf interessierte.
Minutenlang suhlt er sich in jener bittersüßen Mischung von nostalgischer Wehmut und körperlichem Unbehagen, die stets mit seinen Jugenderinnerungen einher geht.
Sein Blick schweift zur Furgg hinauf, oben im Berggasthaus hat er seine schönste Zeit verbracht. Zusammen mit dem Vater, mit Selma, der Grosstante. Sechzehn war er, als sie gestorben ist. Vierzig Jahre ist das her. Albin legt sich ins Moos zurück. Eine Melodie aus der Vergangenheit fliegt ihm zu, an die Worte erinnert er sich nicht mehr. Hoch über ihm kreist ein großer Raubvogel, den Umrissen nach ein Adler.
Das Bild kommt ihm vertraut vor.
Seit er ausgezogen ist, hat er in der halben Welt gelebt, in den größten Städten und den abgelegensten Flecken, keiner davon ist noch lebenswert. Trotzdem könnte er auf den Glamour und das Scheinwerferlicht nicht verzichten. So abseitig das Jet Set-Leben in den Luxusfestungen auf dem Corvatsch oder auf dem Schilthorn und dem Mont Fort auch ist! Sommerfrische auf 3000 Metern, Champagner und Abtanzen, bis ihnen die Berge unter den Füssen wegtauen ... Das Matterhorn, einst das Wahrzeichen der Schweiz, ist seit fünfundzwanzig Jahren für Berggänger gesperrt. Haben die eigentlich Schilder aufgestellt dort? fragt sich Albin. „Wegen Einsturzgefahr bis auf weiteres geschlossen. Kommen Sie bitte nach der nächsten Eiszeit wieder.“
Der Rückweg führt ihn am Fuss der Salflischer Wand vorbei, senkrecht stürzt sie herab, in der Mitte zerschnitten von einer waagrechten Kerbe. Einer der vielen Wasserstollen, die zur Zeit seines Großvaters von Mineuren in den Fels gesprengt wurden, teil eines gigantischen Kanal- und Höhlensystems, das alle Wässerwasser aus vier Tälern zum Ploner Stausee geführt hatte. Früher. Albin kann sich nicht vorstellen, dass der Kanal quer durch die Salflischerwand noch Wasser führt. Woher sollte es auch kommen? Der Gletscher, in den er einst mit seinem Vater eingedrungen ist, ist verschwunden, das Reich der Toten, von dem seine Großtante Selma ihm soviel erzählt hatte, damit einfach weggeschmolzen.
Wie jedesmal, wenn er eine der Wasserleitungen sieht und sich die schwindelerregenden Abgründe vorstellt, an denen die Mineure gearbeitet hatten, so wie einst seine Ploner Ahnen an den Suonen, fällt seine Lunge zusammen. Er atmet gepresst und stoßweise. Die Vorstellung allein ist ihm ein Alptraum! Zum Glück muss er nie auf jenen schmalen Felszinnen entlang der Kanäle balancieren.
Seit dem Unfall in der Gletscherhöhle ist er nicht mehr schwindelfrei.
Nach einigen hundert Metern findet Albin in seinen Wanderrhythmus, kurz darauf hört er seine Schritte doppelt. Er bleibt stehen. Zweige knacken schräg hinter ihm, dann Stille. Ein Fuchs ist die wahrscheinlichste Erklärung, gelegentlich werden über dem Flischwald gerissene Schafe gefunden, die auf einen Wolf oder auf einen Bären hindeuten. Selbst solche Grosstiere hätten erstmal nur Angst vor Menschen. Macht er sich das vor oder weiß er es? Albins Atem geht schneller, er sucht nach dem Spray in der rechten Hosentasche. Die Furcht begleitet ihn, viel später erst getraut er sich, wieder still zu stehen. Kein Geräusch mehr, nur das eigene Keuchen, und zaghaftes Zwitschern einiger Vögel in der von Harzduft durchwirkten Sommerluft. Wölfe in Plon? Einem anderen würde man sagen, er schaue zu viele Filme. Er hat zu viele gedreht.
Zu viele schlechte.
Lucrezia schüttelt fassungslos den Kopf, Albin blickt konsterniert, Linus hampelt nervös herum. Nur Noah lässt der Erpresserbrief kühl.
„Stellt sich die Frage, was wir tun“, Agnes schaut in die Runde, die sich nach dem Abendessen an Lucrezias Stubentisch zusammengefunden hat.
„Noah soll etwas sagen, der kennt sich mit solchen Dingen aus.“ Als suche sie einen Ausweg, fährt Lucrezias Hand ruhelos über ihren Specksteinblock, der seit vier Jahrzehnten am selben Ort dicht neben der Bungalowtür steht. „Zum Glück ist er hier, jetzt erst recht.“
Noah aber schweigt. Agnes wendet sich ihrem Bruder zu. „Glaubst du, die meinen das wirklich ernst?“
Albin zuckt mit den Schultern. Zum zweiten Mal innerhalb von kürzester Zeit kommt er sich vor wie in einem seiner Filme. Wenn er gewusst hätte, was ihm eben eröffnet worden ist, wäre er nicht hierher gekommen.
„Wir können so tun, als würden wir auf die Erpressung eingehen“, schlägt Linus vor, der hochkonzentriert bei der Sache ist. „Dann passen wir sie ab, wenn sie das Wasser fassen wollen!“
„... und dann?“
Ist Noahs Frage ironisch gemeint? Agnes beobachtet ihn argwöhnisch.
„Dann? Dann ... Lassen wir sie verhaften!“
Noah nickt. „Wenn wir die Polizei dazu überreden können. Doch selbst so fangen wir vielleicht nur irgendwelche Handlanger, und die Drahtzieher legen uns zwei Tage später denselben Zettel in den Briefkasten.“
Das leuchtet Albin ein, es erinnert ihn an eigene dramaturgische Knacknüsse. „Also machen wir die Auftraggeber ausfindig.“
„Wie?“
Erneut Noah, der naiv fragt. Agnes beobachtet ihn etwas genervt. Der hat sich solche Dinge doch schon hundertmal überlegt!
„Wir analysieren den Brief und ...“ Albin stockt. „ ... und warten auf den nächsten?“
„Stark!“, kommentiert Linus belustigt.
„So falsch ist das nicht.“ Noah glättet den Zettel vor ihm auf dem Tisch. „Der Stil der Drohung ist ungewöhnlich, der Schreiber gebildet, das merkt man, doch sein Deutsch ist viel zu gewählt, Form und Inhalt gehen weit auseinander. Er fühlt sich unwohl in seiner Rolle, deshalb rechtfertigt er, was er tut. Wäre er ein abgebrühter Erpresser der Ölmafia, hätte er ganz anders formuliert. Vielleicht ist das unser Glück, ich glaube nicht, dass wir es mit einem kriminellen Clan zu tun haben. Ich vermute eher, diese Leute versuchen sich zum ersten Mal als Erpresser.“
„Flüchtlinge also?“, fragt Agnes schnell.
„Möglich. Nicht aus unserem Kulturkreis, das deutet der Satz an, in dem er von unseren Sprachbildern spricht. Das heißt, es sind nicht seine. Überlegt mal, weshalb geben sie uns die elf Tage Zeit mit dem Ultimatum? Sicher nicht wegen des Neumondes. Fünf Tage vorher ist es schon genauso dunkel. Wahrscheinlich haben sie die logistischen Probleme selber noch nicht gelöst, wissen beispielsweise nicht, womit sie das Wasser abtransportieren wollen. Nur ... Anfänger sind nicht weniger gefährlich. Eher unberechenbarer.“ Er blickt auf seine Uhr. „In einer Stunde wissen wir, wie gut sie organisiert sind.“
„Ich hoffe nur, die haben ihre Warnfeuer wirklich unter Kontrolle!“ Agnes tritt vor die Tür hinaus, angespannt starrt sie in die Dunkelheit. Heute Nacht werden die Träume zurückkehren. Mit Sicherheit. Im Licht der Fackeln werden die Schatten Agnes umkreisen, werden sie einschließen, ihr immer näher rücken ...
Agnes wischt sich die Schweißperlen von der Stirn. Mit einem Ruck dreht sie sich um. „Noch ist es windstill“, sagt sie über die Schulter zurück, „Wenn es nachher nur einen einzigen Funken verweht ...“
Lucrezia fällt ihr ins Wort: „Noah, du musst bis zum Ablauf des Ultimatums hier bleiben. Du bist der einzige, der mit solchen Dingen Erfahrung hat.“
„Natürlich bleibe ich, Gotta. Ich wollte Ferien machen, jetzt muss ich halt arbeiten, damit man mir meine Ferien nicht ganz ruiniert. Kann Eden das Wasser denn theoretisch entbehren?“
Agnes geht mit unsicheren Schritten zu ihrem Stuhl zurück. „Linus hat es für uns berechnet, mit Hilfe des Physikprofessors in Bungalow Zwei Ost. Die Details erspare ich euch, die Zahlen auch, das Fazit in einem Wort: Nein. Wenn in den nächsten vier Wochen keine Niederschläge kommen, und davon gehe ich aus, brauchen wir jeden Kubikmeter Wasser im Schluchtsee. Es sei denn ...“
Sie springt schon wieder auf die Füsse, umrundet nervös den Tisch.
„Es sei denn, wir finden neue Wasser.“
„Du spinnst!“ Linus ist so überrascht, dass er vergisst, mit wem er spricht. Lucrezia schaltet sich ein: „Dein Sohn sollte das nicht so direkt sagen, Agnes, aber er hat recht.“
„Genau!“, pflichtet ihr Albin bei. „Woher willst du plötzlich Wasser herzaubern?“
Agnes wartet auf eine von Noahs lästigen Fragen, diesmal überrascht er sie, indem er schweigt. Sie zieht den vergilbten Papierbogen aus der Tasche. „Das hat Mutter in den Papieren von Vater gefunden, kurz bevor sie selbst gestorben ist. Schau dir den Plan an, Noah, du bist Geologe, denkst du, das ist möglich? Meine Mutter war sich absolut sicher, dass Silvans Theorie die einzig mögliche Antwort auf alle ungeklärten Fragen bei der Gletscherschmelze vor dreißig, vierzig Jahren war.“
„Ach das!“ sagt Lucrezia, ein wenig eingeschnappt.
„Wovon sprecht ihr eigentlich!“ fragt Albin schon leicht verärgert.
„Vom unterirdischen See, nehme ich an“, erwidert Lucrezia. „Der geheimnisvolle Höhlensee, den nie ein Mensch gesehen hat.“
„Die Heiligen Wasser. Silvan hat sie gesehen. In seiner Vorstellung zumindest.“ Agnes reicht Noah die Karte.
„Ein unterirdischer See?“ Noah verfällt in eine alte Marotte, seine Fingerkuppe streicht pausenlos über seinen Nasenrücken, bis er sich seines Ticks gewahr wird. „Möglich, geologisch gesehen. Der größte unterirdische See der Schweiz lag einst in der unteren Plonebene, nach dem Erdbeben von 2029 ist er abgeflossen. Dasselbe könnte auch bei dem hier passiert sein, sonst wäre er doch entdeckt worden! Die Zeichnung scheint irgendwelche Verbindungen zum einstigen Flischgletscher zu zeigen. All die Linien hier sind mir allerdings ein Rätsel. Wisst ihr, was das Gute daran ist: Wir haben in den nächsten Tagen etwas zu tun und müssen bis zur Leermondnacht nicht Däumchen drehen. Und falls wir Wasser finden, bestimmen wir das Spiel mit neuen Regeln.“
Eine halbe Stunde später sitzen alle im Kontrollraum. Ivo, der Diensthabende der Eden-Brandwache, hat den ganzen Abend keine verdächtige Bewegung auf den Monitoren ausgemacht, weder auf den Wärmebildern noch im Infrarot-Modus. Agnes schickt ihn in die Pause.
„Kein Mensch im ganzen Wald rund um Eden, wie wollen die dann zündeln?“ sagt sie, kaum ist der Wachmann draußen.
Sie zeigt bereits Nerven! Wie gewohnt registriert Noah jede Gefühlsregung um ihn herum, fast alle gehen von Agnes aus.
Angespannt beobachten sie die Monitore. Bald springt der Zeiger der grossen Uhr an der Wand auf elf, im selben Moment stösst Noah seinen Stuhl zurück.
„Da. Auf dem obersten Monitor!“
„Das zweite!“
„Und das dritte.“
„Drei Feuer, wie angekündigt!“ sagt Noah. „Aber sehr kleine. Wie lange sollen sie laut dem Brief brennen?“
„Dreißig Sekunden.“
„Kann man die Kamera zoomen? Mehr? Schade. Seltsame Flammen, die flackern kaum. Schau, die Uhr: fünf, vier, drei, zwei, eins. Und weg sind sie.“
Perplex starren alle auf die Monitore, die wieder den dunklen Wald zeigen, nirgendwo eine ungewöhnliche Wärmeentwicklung.
„Wie haben die das gemacht, Noah?“
„Keine Ahnung, Linus. Frag Albin, der kennt sich mit Spezialeffekten besser aus.“ Noah wirkt erstmals beunruhigt. „Aber im Gegensatz zum Brief hat diese Aktion ausgesprochen professionell gewirkt.“