Gatto Dileo
Eine Liebesballade
Veröffentlichung: 29.2.2004 (Bilger Verlag, Zürich)
Hörprobe (Quicktime aif)
Leseprobe
Intro
Der Himmel ist sternenklar. Er schaltet die Scheibenwischer ein. Der Schleier
vor seinen Augen bleibt. Die Windschutzscheibe wölbt sich. Der Asphalt
schlägt Wogen, stülpt sich auf, legt sich um die Pneus, gibt sie mit
einem schmatzenden Geräusch wieder frei.
Zuviel gekifft.
Am Strassenrand ein Blumenstrauss, daneben ein schwaches Kerzenlicht. Den Tod
haben schon andere überlebt. Die Scheinwerfer irren weiter. Die Seitenwand
des Transporters schrammt gegen die Stützmauer, das kreischende Geräusch
vermischt sich mit dem Heulen des sich überdrehenden Motors. Maurizio dreht
am Lautstärkeknopf des Kassettengeräts.
Zuviel gekifft, zuviel Bier. Kein Gefühl für Geschwindigkeit, für
Distanzen, nur Schmerz. Egal. Hat keine Bedeutung. Er ist draussen. Alles verloren.
Die Band, Mitra.
Er rammt das Gaspedal in den Boden. Sie haben miteinander geschlafen. Salvo
und Mitra. Sein Freund und seine Freundin. Die Blicke zwischen den beiden, ihr
Zögern beim Wiedersehen, Mitras ungewohnte Forschheit im Bett, das geheuchelte
Interesse an seinem neuen Text ... Er hat nicht fragen müssen. Er hat es
gefühlt, gerochen, gesehen. Seit Wochen geahnt.
Der nächste Tunnel. Ein Labyrinth aus Lichtreflexen, als verschenkten Kristalle
ihr inneres Licht. Die nassglänzenden Wände vervielfachen, verschieben
sich. Alles Vergangenheit. Salvo, Mitra, die Band. Der zweite Verrat. Dieser
verfluchte Produzent. Donato. Nur Arschlöcher heissen Donato. Er genüge
höheren Ansprüchen nicht! Er, Maurizio! Die Seele der Band. Der Mittelpunkt
der Triade.
Scheissname. Drei sind immer einer zuviel.
Einen Dreiklang gibt es nur in der Musik.
Seine Schuld. Weshalb hat er nichts dagegen getan? Salvo Einhalt geboten, schon
vor Jahren? Selbst die Äste der Bäume am Strassenrand greifen nach
ihm. Maurizio beschleunigt den Wagen. Salvo hat seine Schüchternheit ausgenutzt.
Seine Gutmütigkeit. Sein Vertrauen! Hat ihn ausgeraubt, leergesaugt, weggeworfen.
Hat seine Leidenschaft für die Musik zur eigenen gemacht. Seine Texte,
seine Ideen, die Melodieansätze verinnerlicht. Geklaut! Jede seiner Bewegungen
vorne am Bühnenrand drückt es aus: Meine Songs! Meine Band! Meine
Show!
Jetzt gehörte auch Mitra ihm.
Scheiss auf sie, scheiss auf ihn.
Eine Ausweichstelle am Strassenrand. Der Transporter schlingert, er schaltet
die Zündung aus, der Wagen bockt, als der Motor abstirbt. Maurizio lässt
seinen Oberkörper auf das Lenkrad fallen. Verharrt minutenlang, bewegungslos.
Gibt es einen Ausweg? Zurückfahren, Salvo vom Plattendeal abbringen, ihm
die Augen öffnen für die Lügen des Produzenten? Unmöglich.
Maurizio will Musik machen, Salvo aber Karriere.
Mitra zur Rede stellen?
Er fürchtet ihre Antworten.
Und Salvos Winkelzüge. Donatos Urteil. Mutters Fragen, Vaters Vorwürfe.
Maurizio startet den Motor, legt den Gang ein. Nichts ist geblieben. Die Musik
war seine einzige Hoffnung gewesen, Mitra sein letzter Halt. Bis heute.
Sie hat sich entschieden. Ihn verraten.
Er dreht die Musik lauter. Mitra hat die Kassette aus Italien gebracht. Schlechtes
Gewissen? Du kannst alles überstehen, hat sie gesagt, wenn du in jeder
Situation den richtigen Song im Ohr hast. Exakt seine Worte an sie, damals,
als er sie von den Friedhöfen ins Leben zurückgeholt hatte.
Der Motor heult auf.
Sie hat es so gewollt.
Sie alle haben es so gewollt.
1. DAS KREUZ
Der Junge starrte ihn entgeistert an.
Augenblicklich verfluchte Gatto seine Naivität. Eben noch hatte er durch
das Fenster gesehen, wie der Bursche Kieselsteine Richtung Pergola gekickt hatte,
eine Hand in der Tasche der tiefsitzenden Hose, in der anderen eine Papiertüte,
wahrscheinlich die Lebensmittel. Siebzehn mochte er sein, die demonstrative
Langeweile Teil eines Schutzwalles, der sofort eingestürzt war, als Gatto
die Tür geöffnet hatte.
Ein Teenager im Valle Quarta wusste nicht weniger als jeder andere, was hatte
er sich bloss gedacht? Das Tal war nicht das Ende der Welt, das Städtchen
am See nur zwei Autostunden entfernt, die italienische Grenze nicht viel weiter.
Er hätte Vorkehrungen treffen sollen, jetzt war es zu spät.
„Die Lebensmittel?“
Der Junge nickte. Gatto streckte die Hand aus. „Wieviel?“
„Vierundneunzigdreissig.“ Die Antwort war kaum hörbar.
„Behalt den Rest. Und ... du erzählst keinem, wer ich bin!“
Er liess es wie eine Feststellung klingen, zugleich fragte er sich, weshalb
der Junge ihn ernst nehmen sollte. Vorbei die Zeiten, als sie seine Wünsche
erfüllten, bevor er sie geäussert hatte. „Im Laden wirst du
sagen, da war keiner. Du hättest vergeblich geklingelt, die Tasche dann
vor die Tür gestellt ...“
„Und das Geld?“
„Was ist damit?“
„Wie bezahlt einer, der nicht da ist?“
Gatto stutzte. „Gib es einfach erst später weiter.“ Eine bessere
Lösung fiel ihm spontan nicht ein. „Wie heisst du?“
„Marco.“
„Ci vediamo, Marco ... falls unser Geheimnis eines bleibt!“
Der Junge entfernte sich einige Schritte. Im Schatten der Kastanienbäume
blieb er stehen. „Schöner Wagen!“ Er deutete über die
Schlucht hinweg zum Parkplatz.
Gatto nickte. „Vielleicht nehm ich dich mal mit.“ Ein kleiner Anreiz
konnte nicht schaden.
„Und ... soll ich Sie Gatto nennen?“ Marco wurde mutiger. „Oder
Salvo? Weil – das ist doch Ihr richtiger Name? Salvo! Steht im Internet.“
„Steht da?“ Gatto lächelte matt. „Dann wird es wohl stimmen.
Ciao.“
Der Junge rannte los. Die Aufregung liess ihn in der Mitte der schmalen Steinbrücke
stolpern. Bevor er auf der anderen Seite hinter der Wegbiegung verschwand, schaute
er zurück, legte bedeutungsvoll den Zeigefinger auf die Lippen.
Gatto räumte die Lebensmittel in den Kühlschrank. Jeden Gedanken an
die möglichen Konsequenzen dieser Begegnung verdrängte er. Der einzige
Zufluchtsort waren seine Erinnerungen, damit hatte er sich schon lange abgefunden.
Er fügte die beiden Holzstäbe zu einem Kreuz und nahm den Hammer.
Siebzehn Jahre waren seit ihrer letzten Liebesnacht im Nonnenkloster der Sorelle
dei Poveri di Santa Caterina vergangen. Kein Tag, an dem er nicht an sie dachte.
Drei gezielte Schläge trieben den Nagel durch die Holzstäbe. Drei
Kerzen hatte sie in der Chiesa di San Francesco in Cortona angezündet.
Eine für ihren Grossvater, der gleichentags in Disentis zu Grabe getragen
wurde, eine für die Grossmutter, eine für die absehbaren weiteren
Entweihungen des Klosters.
Sechstausendzweihundertfünfzehn Tage seither. Vorübergehend hatte
er neben anderen Frauen gelebt. Während drei Jahren hiess eine Luisa. Eines
Tages fand sie heraus, dass seine Besessenheit nicht der Arbeit galt, wie alle
glaubten. Die war nur die Brücke zur Vergangenheit. Die letzte.
Mit einem weichen Tuch polierte er das Holzkreuz.
Erste Sonnenstrahlen stahlen sich in die Schlucht. Sie trockneten die Pfützen
des nächtlichen Gewitterregens auf der Terrasse. Das verdampfende Wasser
stieg in dünnen Schleiern von den Granitplatten auf. Gatto setzte sich
auf die Bank neben der Küchentür. Die Luft war klar. Erstmals seit
seiner Ankunft konnte er in der Ferne das Quartadelta und das matte Blau des
Sees erkennen. Ein Zitronenfalter tanzte über der Schlucht. Seine Umrisse
grenzten sich erst scharf vom Grün im untersten Becken ab, dann verschwammen
sie vor dem Weiss der stiebenden Gischt in den Trichtern zwischen den Felsblöcken,
wurden wieder sichtbar im klaren Braun, wo die Strömung die Quarta wie
einen gläsernen Vorhang über die Steine spannte.
Gatto stand auf. Bald würde die Mittagshitze die morgendliche Kühle
zerreiben. Der Weg führte in spitzen Kehren und gesichert durch ein Geländer
aus dünnen Baumstämmen zum Fluss hinab. An den steilsten Stellen waren
Stufen in den Fels gehauen. Auf halber Höhe zweigte ein Pfad ab, er endete
etliche Meter über dem Wasser auf einem Felsvorsprung. Für die früheren
Besitzer des Torres einst ein Aussichtsplätzchen.
Zwei Zementsäcke standen dort bereit, Sand aus dem Bett der Quarta, eine
Maurerkelle, ein Mischbecken, ein Eimer mit Wasser, Bretter für die Schalung.
Was er brauchte, hatte er in den letzten Tagen hergebracht. Jeder Gang ein Grossunternehmen,
mit Umsicht geplant, nur schon der Gedanke daran hatte ihm Mal für Mal
den Schweiss aus den Poren getrieben. Nach wenigen Schritten waren seine Beinmuskeln
übersäuert, die Schlucht verschwamm vor seinen Augen, die Angst presste
seinen Atem in ein Keuchen. Keiner da, der ihn rechtzeitig gefunden hätte,
wäre er zusammengebrochen! Kein Arzt, der beruhigend erklären konnte,
was körperliche Erschöpfung war und was ein Symptom der seelischen.
Er schüttete weissen und wenig grauen Zement in das Becken. Die entstandene
Farbe traf die des Felsens leidlich. Der Sand machte die Masse körnig.
Er rührte sie mit Wasser an, bis sie nicht mehr pappte, sondern geschmeidig
von der Kelle glitt. Mit den Schalbrettern formte er einen zwanzig Zentimeter
hohen Quader, goss den Inhalt des Mischbeckens hinein. Vorsichtig strich er
die sonderbar elastische Masse glatt. Der Zement band das Wasser bereits. Er
steckte das Holzkreuz hinein. Mit einem Zweig ritzte er die Wörter Eravamo
in tre in den Zement.
Sein Rücken schmerzte. Langsam richtete er sich auf. „Wir waren drei,
Maurizio. Damals. Jetzt noch zwei. So Gott will!“ Unwillkürlich blickte
er hoch. Ein Falke schraubte sich über dem Torre in den Himmel. Als weiche
er Gattos Blick aus, drehte er ab und verschwand. Die Sonne hatte den Zenith
überschritten, das Kreuz warf seinen ersten Schatten auf die Felswand.
Interview mit Urs Augstburger zu Gatto Dileo